21.08.2026
Schmerzspezialist Prof. Markus Ploner über einen Spaziergang, der Aufmerksamkeit für eine unterschätzte Erkrankung schaffen soll

“Chronische Schmerzen sieht man nicht“

23 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen; bei 6 Millionen Betroffenen gehen die Schmerzen mit erheblichen Einschränkungen im Alltag einher, wie Ängsten, Schlafstörungen und sozialem Rückzug. Doch für ihre Mitmenschen sind die Schmerzen häufig nicht zu erkennen: Schmerzen sind unsichtbar. Beim „Global Walk against Pain“ am 29. August machen sich Menschen in aller Welt auf den Weg, um auf die Belange Betroffener aufmerksam zu machen – auch am TUM Klinikum Rechts der Isar in München. Organisiert wird die Münchner Aktion von Dr. Paul Zebhauser und Prof. Markus Ploner vom Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS).
Prof. Markus Ploner
Prof. Markus Ploner leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS) am TUM Klinikum. © Kathrin Czoppelt, TUM Klinikum

Herr Professor Ploner, warum braucht es einen Spaziergang gegen den Schmerz und warum beteiligt sich das TUM Klinikum Rechts der Isar daran?

Der „Global Walk against Pain“ ist eine weltweite Initiative, die auf die Situation von Menschen mit chronischen Schmerzen aufmerksam macht. Die Idee dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Gemeinsam gehen – Betroffene, Angehörige, Behandelnde und Interessierte – und damit sichtbar machen, was im Alltag meist unsichtbar bleibt.

Wir beteiligen uns, weil wir täglich erleben, wie häufig diese Erkrankung unterschätzt und nicht ausreichend behandelt wird. Mitgehen kann jeder: Patientinnen und Patienten, ihre Familien, unser Team, aber auch alle, die sich einfach solidarisch zeigen möchten. Die Initiative zur Teilnahme ist aus unserem Klinikalltag heraus entstanden – aus dem Wunsch, das Bewusstsein für chronische Schmerzen in der Öffentlichkeit zu stärken.

Was bedeutet es für Menschen mit chronischen Schmerzen, dass ihre Beschwerden für andere meist unsichtbar bleibt?

Das ist eine der größten Belastungen für Betroffene. Wer mit einem gebrochenen Bein dasteht, erfährt sofort Verständnis. Chronischer Schmerz und seine Ursachen hingegen sieht man häufig nicht – deshalb müssen Betroffene sich oft rechtfertigen: gegenüber Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden, der Familie und auch gegenüber Ärztinnen und Ärzten. Das führt zu Rückzug und nicht selten zu dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Was unterscheidet chronische Schmerzen von anderen Schmerzen? Werden sie oft unterschätzt?

Akuter Schmerz warnt uns vor einer Verletzung und verschwindet, wenn diese heilt. Chronischer Schmerz – länger als drei bis sechs Monate – hat diese Warnfunktion oft verloren und sich im Nervensystem verselbstständigt, unabhängig von der ursprünglichen Ursache. Er ist dann keine Folge einer anderen Erkrankung mehr, sondern eine eigene Erkrankung. 

Die zeitgemäße Schmerzmedizin versteht diese Erkrankung nach dem biopsychosozialen Modell. Der Schmerz entsteht aus dem Zusammenspiel körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren. Dieses Zusammenspiel wird jedoch häufig unterschätzt. Viele Betroffene hören jahrelang „aber man findet doch nichts“, obwohl ihr Schmerz sehr real ist.

Im Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin behandeln Sie viele Betroffene. Wie helfen Sie ihnen?

Aus diesem biopsychosozialen Verständnis heraus entwickelt unser interdisziplinäres Team aus Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen sowie Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten für jede Patientin und jeden Patienten ein individuelles Behandlungskonzept.
Zentraler Baustein ist unsere Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie in der Tagesklinik: Wir kombinieren psychologische, körperorientierte und medikamentöse Elemente in Gruppen- und Einzeltherapie – tagsüber, sodass Patientinnen und Patienten abends zu Hause sein können. Das Programm umfasst 20-25 Behandlungstage, wahlweise intensiv über vier oder gestaffelt über acht Wochen. Gemeinsam erarbeiten wir dort Strategien für den Alltag, um die Lebensqualität dauerhaft zu verbessern. 

Die Wirksamkeit dieser Behandlung ist wissenschaftlich gut belegt; international gilt sie als die beste Behandlungsmethode bei chronischen Schmerzen – von Rücken- über Kopf- bis hin zu Gelenkschmerzen lässt sie sich auf fast jede Schmerzform anwenden. Die Kosten für diese sehr aufwendige Behandlung übernehmen die Krankenkassen in der Regel vollständig. So können wir jährlich mehreren hundert Menschen zu mehr Lebensqualität verhelfen. Die Anmeldung erfolgt per E-Mail oder Telefon.
 

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