10.09.2026
Infektiologe Prof. Christoph D. Spinner über die Initiative „München impft“

„Impfen ist die wirksamste Form der Prävention!“

Influenza, COVID-19 und RSV sind keine harmlosen Atemwegserkrankungen – sie können schwer verlaufen, Impfungen schützen davor. Das Bewusstsein dafür soll die Initiative „München impft“ schärfen, für die sich das TUM Klinikum und das LMU Klinikum mit dem Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München zusammengetan haben. Das Ziel: Die Impfbereitschaft fördern und so noch mehr Menschen vor saisonalen Atemwegserregern schützen. Angestoßen hat die Initiative Prof. Christoph D. Spinner, Leiter der Infektiologie am TUM Klinikum, zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Christian Schulz vom LMU Klinikum.
Prof. Christoph D. Spinner, Leiter der Infektiologie am TUM Klinikum
„Wir sollten keine Chance auslassen, Menschen durch Impfungen zu schützen", sagt Prof. Christoph D. Spinner, Leiter der Infektiologie am TUM Klinikum und einer der Initiatoren von "München impft". © Kathrin Czoppelt, TUM Klinikum

Herr Professor Spinner, was hat Sie dazu bewogen, eine stadtweite Impfkampagne anzustoßen?

Impfungen sind eine der effektivsten Schutzmaßnahmen der Medizin. Das gilt besonders für saisonale Atemwegserkrankungen wie COVID-19, Influenza (echte Grippe) und Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV): Hier schützen Impfungen besonders gefährdete Personen vor einem schweren Verlauf. Sie reduzieren auch das Infektionsrisiko für andere. Damit verhindern sie indirekt auch bei ihnen mögliche Komplikationen einer Infektion wie Herzinfarkte und Schlaganfälle. Dennoch lassen sich zu wenige Menschen impfen: Unter den besonders gefährdeten Personen, denen die Ständige Impfkommission (STIKO) diese Impfungen empfiehlt, sind es gerade einmal 20 bis 30 Prozent. Mit der Initiative „München impft“ wollen wir das gemeinsam mit dem LMU Klinikum und dem Gesundheitsreferat ändern.
 

COVID-19 hat seinen Schrecken doch längst verloren, RSV ist vor allem für die Kleinsten gefährlich. Und eine Grippe kann doch auch so schlimm nicht sein.
Nein, das stimmt nicht! Vor allem bei besonders gefährdeten Menschen können Infektionen mit diesen Viren nach wie vor schwer verlaufen. In einer großen aktuellen Studie mit Abrechnungsdaten aus Sachsen und Thüringen konnten wir aber zeigen: In Risikogruppen ist die Sterblichkeit durch COVID-19 bei Geimpften um 25 Prozent niedriger als bei Ungeimpften, sie müssen im Fall einer Infektion auch um 59 Prozent seltener ins Krankenhaus. Das Risiko von Long-COVID lässt sich durch eine Impfung mehr als halbieren. 

Auch RSV ist ein völlig unterschätztes Virus – nicht nur bei Neugeborenen und Kleinkindern: Fast jeder vierte RSV-Infizierte über 50 Jahre muss im Krankenhaus behandelt werden. Das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall steigt im Zusammenhang mit einer RSV-Infektion um das 3,5-Fache. Durch eine Impfung lässt sich eine schwere Erkrankung aber in mehr als 80 Prozent der Fälle verhindern. Sie senkt das Risiko für Herzinfarkte und verhindert bei 70 bis 80 Prozent der Menschen mit Vorerkrankungen wie COPD, dass sich diese weiter verschlechtert. Auch Influenza gefährdet vor allem Ältere: Unter den Menschen, die an Influenza sterben sind mehr als 90 Prozent über 60-Jährige.


Wer sollte sich gegen Influenza, COVID-19 und RSV impfen lassen?

Die STIKO hat ihre Empfehlungen dazu aktualisiert. Vereinfacht gesagt sollen sich gegen Influenza alle ab 60-Jährigen impfen lassen und alle Menschen ab dem Alter von sechs Monaten, die an relevanten Vorerkrankungen leiden. Eine Impfung gegen COVID-19 wird allen Menschen ab 75 Jahren empfohlen, sowie allen Menschen ab dem Alter von sechs Monaten mit relevanten Vorerkrankungen. Gegen RSV wiederum sollten sich alle ab 75-Jährigen impfen lassen, Menschen mit schweren Vorerkrankungen sogar bereits ab 60 Jahren. Zu den relevanten Vorerkrankungen zählen dabei vor allem chronische Leiden der Lunge, des Herz-Kreislauf-Systems und des Immunsystems sowie aktive Krebserkrankungen: Sie haben ein deutlich höheres Risiko für einen schweren Verlauf. Gefährdet sind zudem Menschen, die immunsupprimierende Medikamente einnehmen müssen – etwa nach einer Organtransplantation.
 

Wie wollen Sie das mit der Initiative konkret erreichen?

Wir wollen das Bewusstsein für diese Infektionen schärfen und darüber informieren, wie man sich schützen kann. Dazu sprechen wir gezielt drei Gruppen an: Die breite Öffentlichkeit über Medien wie Zeitung, Radio und Social Media. Wir richten uns aber auch direkt an Apotheken sowie Ärztinnen und Ärzte, zudem an Patienten-Selbsthilfeorganisationen. Die Kampagne läuft im Herbst und Winter mit Schwerpunkten zum Oktoberfest, in der Adventszeit und um Neujahr. Dabei setzen wir auf gedruckte und digitale Infomaterialien, die wir auf der Website www.muenchen-impft.de zur Verfügung stellen. Zudem wird es Mitmach-Aktionen auf Social Media geben. 
 

Was unterscheidet die Kampagne von anderen, was macht sie so besonders?

Sie bringt alle relevanten Stakeholder zusammen: den öffentlichen Gesundheitsdienst der Stadt München, die wissenschaftliche Expertise beider Münchner Uniklinika sowie die Münchner Ärzteschaft und Apotheken als zentrale Impfstellen. Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek hat die Schirmherrschaft übernommen. Ihr ist die Impfprävention ein ebenso wichtiges Anliegen wie uns. Die Munich Medicine Alliance (M1) unterstützt uns mit einer wissenschaftlichen Schirmherrschaft.
 

Lässt sich überhaupt messen, wie erfolgreich so eine Kampagne ist?

Ja, „München impft“ ist Teil der wissenschaftlichen Begleitstudie PREVENT-M. Über Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen wollen wir die Effekte der Kampagne gemeinsam mit Prof. Dr. Leonie Sundmacher, Gesundheitsökonomin an der Technischen Universität München, analysieren und zudem die gesundheitsökonomischen Auswirkungen modellieren. Unser Ziel ist es, die Impfquote bei saisonalen Atemwegsinfektionen, die bislang bei unter 30 Prozent liegt, wirksam zu steigern – und so Menschen vor vermeidbaren Folgeschäden zu schützen. Neben den unmittelbaren Rückmeldungen während der Kampagne rechnen wir mit ersten wissenschaftlichen Studienergebnissen ab Ende 2027 – ein wenig Geduld ist also noch gefragt. 
 

 

Grafik zur Initiative München impft